Septemebereis
von Thorsten Homberger
Wieder werf' ich Blicke zum Fenster,
seh' das Eis auf den Scheiben.
Es ist September.
Die Kälte jedoch,
kennt die Zeit nicht.
Samantha Becker betrachtete die weißen Scherben, die in alle Richtungen zerstoben, nachdem ihre Tasse auf dem Boden entzwei brach. Wut stieg in ihr auf. Warum? Es war doch nur ein kleines Stück Porzellan. Und doch, so hatte Samantha das Gefühl, dass mit dem Bruch ihrer Tasse auch ein Teil ihrer Seele in die nie wiederkehrende Dunkelheit des Vergessens gefallen wäre. Es war nur Porzellan. Erinnerungen, die auf einem Schlag zu verblassen schienen. Wut, die in Trauer zu wandeln schien. Es war doch nur ein Missgeschick. Es war doch nur ein Stück Porzellan.
Samantha schüttelte die Trauer aus ihrem Herzen, ging in die Hocke und sammelte eine kleine Scherbe auf. Lange betrachtete sie den Buchstaben h. Das h gehörte ursprünglich in das Wort Krankenhaus. Schon schien die Trauer sie wieder zu ergreifen. Nur wegen der Tatsache, dass sie ein Wort zerstört hatte. So unbedeutend und allgemein. Nur das Logo des örtlichen Krankenhauses, wo Samantha die nächsten Monate arbeiten würde. Nichts persönliches. Kein liebes Wort eines Verwandten. Nur das Wort „Krankenhaus“. Was war bloß mit ihr los?
Samantha suchte lange nach einem Kehrblech und nach einem Handfeger. Sie wurde auf einmal aus ihren Gedanken gerissen.
„Alles in Ordnung, Kind?“
Das war die Stimme der Stationsschwester. Seit ihrem ersten Tag empfanden beide füreinander große Sympathien. Jetzt schien Schwester Gerda sie nach einem Monat schon ins Herz geschlossen zu haben. Wahrscheinlich würde sie nach zwei Monaten von ihr adoptiert werden.
„Tut mir leid, mir ist die Tasse heruntergefallen.“ Samantha wirbelte nervös umher. „Ich räume hier sofort auf.“
Schwester Gerda strich ihr beruhigend über die Schulter. Samantha mochte es. Schwester Gerda war wie ein Ruhepol für sie.
„Kindchen, das ist doch nicht so schlimm. Ich entsorge die Scherben und dafür siehst doch mal schnell nach dem Patienten in Zimmer 308 nach.“
„Der liegt doch schon, seit ich angefangen habe auf der Station“, bemerkte Samantha.
„Länger, Schätzchen. Schon gute zwei Monate. Tust du mir den Gefallen, ja?“
Samantha streifte den langen grünen mit Neonlicht ausgeleuchteten Gang entlang, bis sie schließlich die Tür zum Zimmer 308 erreicht hatte. Sie klopfte und öffnete langsam die Tür.
Drinnen blickte sie ein junger Mann erwartungsvoll an. Er war nicht älter als sie. Bestimmt 20. Oder 21. David hieß er. Das stand jedenfalls auf seinem Krankenbett.
„Hallo“, sprach er matt. In den Händen hielt er einen Notizblock und einen Stift. Langsam trat Samantha ins Zimmer und konnte die Augen nicht von ihm abwenden.
„Ich wollte fragen, ob alles in Ordnung ist“, sagte sie leise.
„Danke, alles gut“, bestätigte David.
„Sollte was sein, einfach klingen“, sprach Samantha schnell.
„Das werde ich, danke.“
„Gut, und wenn was ist, bin ich dann da.“
„Danke.“ Er schenkte ihr ein warmes Lächeln. Etwas verlegen verließ Samantha das Zimmer.
In ihrem Zimmer lag Samantha auf ihrem Bett. Starrte an die Zimmerdecke. Dachte nach. Ihre Begegnung mit David, dem Patienten von Zimmer 308. Er ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Und sie beschloss, ihn nach der Arbeit zu besuchen.
David blickte zum Fenster. Sein Block lag auf seiner Decke. Der Stift war zwischen die Matratze und seinem Bein gerollt. Ein Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. Jemand trat herein. David sah auf. Die nette Schwester, doch diesmal ohne Arbeitskleidung.
„Darf ich reinkommen?“, fragte Samantha. David nickte.
„Ich weiß, wir kennen uns kaum“, sprach sie und nahm auf einem Stuhl Platz. „Wie du siehst, bin ich privat hier. Du kannst mich also auch wieder wegschicken.“
„Nein“, sprach David. „Bleib ruhig... ähm...“
„Samantha.“
„David.“
„Ja, ich weiß.“
Stille. Samantha starrte wieder zu Boden. Ein langes Schweigen hüllte den Raum in eine erwartungsvolle Ruhe. Dann atmete Samantha tief durch. „Was hast du? Du liegst schon seit zwei Monaten hier.“
David musste kurz lachen.
„Entschuldige bitte.“ Samantha spürte wie ihr Gesicht rot anlief.
„Nein, schon gut. Ich werde bald sterben, denn ich bin unheilbar krank.“
Samantha musste laut schlucken.
„Die Ärzte geben mir noch eine Woche.“
„Und warum entlassen sie dich nicht? Damit du die letzten Tagen bei deiner Familie verbringen kannst?“
„Ich habe keine Familie mehr. Sie sind alle schon tot.“
Samantha spürte, wie ein dicker Kloß zu ihrem Hals hoch wanderte. Vollkommene Verzweiflung überkam sie. Ohnmacht.
„Was ist das?“, fragte sie und deutete auf das Notizbuch.
„Das ist mein Textbuch.“ Er gab es ihr.
„Septembereis?“
„Es sind kleine Texte, die ich geschrieben habe.“
Samantha staunte.
Zuhause in ihrem Zimmer lag sie noch stundenlang wach. Trauer. Wut. Verzweiflung. Mitgefühl. Angst. Ihre Gefühle überschlugen in ihrer Seele und sie konnte keinen klaren Gedanken festhalten. Jedoch fasste sie einen Entschluss.
David schenkte ihr ein Lächeln, als sie ihm das Mittagessen auf den Tisch stellte. Samantha betrachtete David. „Ich werde jede freie Minute bei dir hier im Zimmer sein, auch nach der Arbeit.“
Schweigen. „Aber nur, wenn du das auch willst.“
„Ja“, antwortete David langsam. „Ja, sehr gerne.“
Wie versprochen verbrachte Samantha ihre Zeit bei David. Sie redeten miteinander bis manchmal tief in die Nacht. Erzählten aus ihrer Vergangenheit. Lachten zusammen. Manchmal schwiegen sie auch, denn dann beobachtete Samantha wie David wieder etwas in sein Textbuch schrieb. Als sie an seinem Bett einschlief, rief David Schwester Gerda, die Samantha sanft zu deckte.
Sechs Tage schienen so schnell wie Wolken vom Wind getragen, hinüber zu ziehen. Doch in diesen sechs Tagen verdrängte Samantha die Tatsache, dass David sterben würde. Nur als sie ihm am sechsten Tag wieder besuchen kam, holte Davids Verfassung diese schmerzhafte Erinnerung zurück und Samantha spürte, wie die Tränen ihre Augen benetzten.
„Schau mich nicht so traurig an, Sam“, sprach David. „Du hast es doch von Anfang gewusst.“
„Aber anscheinend wollte ich es nicht wahrhaben.“
Traurig nahm sie wieder nah an seinem Bett Platz. Ihre Blicke trafen aufeinander. Trauer und Dankbarkeit erfüllten den Raum zwischen ihnen.
„Ich möchte dich um etwas bitten. Wenn ich es sage, liest du mir dann aus dem Buch vor.“
Samantha nickte. Die Zeiger auf der Uhr begannen nun zu drehen. Endgültig. Ausweglos. Vorbestimmt. Draußen begann die Sonne hinter dem Horizont zu verschwinden.
„Sam, liest du es?“, fragte er.
Samantha nickte, nahm das Notizbuch und griff mit der anderen nach Davids Hand.
Septembereis
Wieder werf' ich Blicke zum Fenster,
seh' das Eis auf den Scheiben.
Es ist September.
Die Kälte jedoch,
kennt die Zeit nicht.
Die Zeit rennt und rennt,
lässt keinen ruhen.
Das Schicksal hat schon entschieden,
einen Ausweg findet man nicht.
Es ist Eis im September,
es fällt der Schnee in der Nacht.
Wieder werf' ich einen Blick zum Fenster,
erkenne die Endgültigkeit.
Dann fallen meine Tränen auf das Kissen
und es ist das Letzte, was von mir bleibt.
Als die letzten Zeilen in Samanthas lautes Schluchzen untergingen, schloss David seine Augen. Zuvor hatte er noch einmal gelächelt. Sein Kopf glitt in sein Kissen. Sein Griff um ihre Hand ließ nach. Samantha blickte ihn an. Das Notizbuch fiel aus ihren Händen. Schien wie in Zeitlupe zu Boden zu fallen. Samantha begann zu weinen. Das erste Mal, wo sie Tränen vergaß, die aus den Tiefen ihres Herzens entsprangen. Samantha blickte aus dem Fenster. Draußen schien es nun kälter geworden zu sein. Doch bemerkt sie plötzlich Eis an der Fensterscheibe. Und irgendwo zerbrach wieder eine weiße Tasse.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen